Gedanken über die Welt

Grenzerfahrzungen – der begrenzte Mensch

Grenzen haben einen schlechten Ruf. Dabei sind sie bei genauerer Betrachtung faszinierende Gebilde. Sie schützen und sperren ein zugleich. Sie gewähren Überblick und verschließen den Weitblick. Sie sichern Überleben und sie töten. Sie sind hilfreich und hinderlich. Grenzen sind ambivalent. So wie der Mensch.

Wir Menschen brauchen Grenzen, um uns sicher und gut gebunden zu fühlen, und gleichzeitig können wir uns nur entfalten, wenn wir sie überwinden. Wir müssen unsere eigenen Grenzen kennen und schützen, um uns als wirklich selbstwirksam zu erleben. In einer Welt, in der es keine Grenzen zu geben scheint (wir können jeden Winkel der Erde bereisen; lehren unsere Kindern, dass sie alles sein und werden können, wenn sie nur wollen; können alles kaufen, wenn wir das nötige Geld dafür haben), brauchen wir Grenzen, um den Überblick nicht zu verlieren. Grenzen geben uns Struktur.

Der ambivalente Mensch hat ein ambivalentes Verhältnis zur Grenze. Er kämpft darum, Grenzen abzubauen, zumindest sie durchlässiger zu machen. Und sucht sich gleichzeitig neue Formen der Abgrenzung.

  • So gründet er 1951 die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, um Europa wirtschaftlich zusammenwachsen zu lassen. Und vollzieht rund 70 Jahre später den Brexit.
  • Er formuliert 1951 die Genfer Flüchtlingskonvention, in der er „Flüchtlinge“ als „Personen definiert, die auf der Suche nach Schutz eine internationale Grenze überquert haben“. Dadurch trägt er bis heute zum Schutz von über 50 Millionen Menschen in den verschiedensten Situationen bei. Gleichzeitig lässt er Menschen auf der Flucht nicht über seine Grenze und überlässt sie ihrem eigenen Schicksal.
  • Der Mensch baut 1961 eine Mauer, weil zwei politische Ideen miteinander konkurrieren. So prägen, durch eine schmale Grenze getrennt, zwei politische Systeme das Leben des Menschen.
  • Rund 30 Jahre später reißt der Mensch die physische Mauer wieder ein, in den Köpfen existiert sie weiterhin. Der Mensch predigt über Grenzen hinweg die gleiche Religion. Gleichzeitig grenzt er sich in seinem Glauben von andere ab. 2001 resultiert daraus ein terroristischer Akt, der die Welt erschüttert. Es verschieben sich die Grenzen der Toleranz.

2021 jähren sich vier zentrale politische Grenz-Ereignisse. Grund genug, sich mit den Grenzen in unseren Köpfen zu beschäftigen.

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